Ev.-Luth.Kirchengemeinde Methler

Jüdisch beziehungsweise christlich - näher als du denkst

Jeden Monat werden Sie hier auf der Homepage, sowie in den Schaukästen der Kirchengemeinde Plakate und Texte finden, die Judentum und Christentum in Beziehung zueinander setzen: „jüdisch beziehungsweise christlich – näher als du denkst“. Was hat es mit diesen Plakaten auf sich?

In Deutschland gibt es jüdisches Leben seit mindestens 1700 Jahre: Ein Edikt des Kaisers Konstantin aus dem Jahr 321 erwähnt Juden in Köln und ist damit die erste urkundliche Erwähnung jüdischen Lebens nördlich der Alpen. 1700 Jahre jüdisches Leben haben ihre Sternstunden, aber auch viele Tiefpunkte. An beides, aber vor allem an das jüdische Leben im heutigen Deutschland soll in diesem Jahr erinnert werden – auch in Dortmund.

Die evangelische und die katholische Kirche in Deutschland wollen in diesem Rahmen an die komplexe Beziehung von jüdischem und christlichem Glauben erinnern und Interesse wecken. In zwölf Plakaten werden jüdische Feste und Gedenktage mit christlichen in Beziehung gesetzt. Manches kann vielleicht als bekannt vorausgesetzt werden, anderes mag überraschen. 
Lassen Sie sich jeden Monat überraschen und bleiben Sie neugierig.

Weiterführende Informationen zur Plakatkampagne: https://www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de/

Informationen zu „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ finden Sie unter: https://www.1700jahre.de/

(modifiz. nach Ralf Lange-Sonntag)

JUNI

Freude am Erwachsenwerden „Bar-Mizwa“ beziehungsweise „Firmung/Konfirmation“

„Ohne uns sieht eure Kirche alt aus“ – so hieß vor etwa zwanzig Jahren eine Kampagne der evangelischen Jugend von Westfalen, die noch immer – oder besser gesagt: immer wieder – aktuell ist. Was Glaube ist, wie wir Gott erleben, wie sich christlicher Glaube im Alltag zeigt, dass kann nicht einfach top-down von den Alten den Jungen erklärt oder gelehrt werden. Glaube muss von der neuen Generation angeeignet werden, muss individuell erarbeitet und angenommen werden. Traditionen sind wichtig, müssen aber mit Leben gefüllt werden. Auf dem Weg zum Erwachsenwerden wächst auch der eigene Glaube und formt sich neu aus.

Den Weg vom Kind zum Erwachsenen markiert im Judentum das Ritual der Bar-Mizwa. Wörtlich heißt das „Sohn der Verpflichtung“ und entsprechend gibt es im liberalen Judentum auch die „Tochter der Verpflichtung“, Bat-Mizwa. Mit 13 bzw. 12 Jahren gelten junge Menschen im religiösen Sinne als erwachsen. Sie können nun für sich selbst den jüdischen Glauben leben und sind selbst verantwortlich für das Halten der religiösen Gebote. Der Feier der Bar-Mizwa im Synagogengottesdienst, bei der der junge Mensch das erste Mal im Gottesdienst zur Toralesung aufgerufen wird, geht eine intensive Zeit des Unterrichts voraus.

Auch die Konfirmation und die Firmung sind wichtige Abschnitte auf dem Weg zum Erwachsensein. Nicht umsonst schmeißen sich Firmlinge sowie Konfirmandinnen und Konfirmanden für die Feier in Schale. Der Konfirmationsanzug war lange ein sichtbares Zeichen für den Eintritt in die Welt der Erwachsenen. In den evangelischen Kirchen hat sich jedoch in den letzten Jahrzehnten der Unterricht, der der Konfirmation vorausgeht, stark verändert. Im Zentrum steht nicht mehr das Auswendiglernen wichtiger Texte, sondern die Auseinandersetzung mit dem Glauben, mit religiösen Traditionen und mit der Kirche. Im Unterricht wird Gemeinschaft erlebt und das Miteinander im Rahmen der Kirche gestärkt. Konfirmandenunterricht wird so zum konfirmierenden, zum bestärkenden Handeln. In der Konfirmation kann dann ein eigenständiges und eigenverantwortliches Ja zur Kirche und zum Glauben erfolgen.

Weitere Informationen zu „Bar-Mizwa beziehungsweise Firmung/Konfirmation“: https://www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de/bar-mizwa-beziehungsweise-firmung-konfirmation/

Ralf Lange-Sonntag

MAI

Spirit bewegt „Schawuot“ beziehungsweise „Pfingsten“

Spirit bewegt
„Schawuot“ beziehungsweise „Pfingsten“

„Öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz.“ (Psalm 119,18) In mehr als 170 Versen besingt der Dichter des Psalms 119 die Schönheit und Wichtigkeit des göttlichen Gesetzes, der Tora. Voller Bewunderung singt er das Lied der Weisung, wie Tora auch übersetzt werden kann. Denn jeder Mensch braucht Orientierung, benötigt Kriterien für die Unterscheidung zwischen Gut und Böse. Im Judentum ist diese Orientierung mit der Gabe der Tora gegeben.

Fünfzig Tage nach Pessach, nach der Erinnerung an den Auszug aus der Sklaverei in Ägypten, wird im Judentum Schawuot gefeiert. Es ist ein Erntefest der Erstlingsfrüchte und zugleich die Erinnerung an die Gabe der Tora am Berg Sinai, neben dem Exodus der zweite fundamentale Fixpunkt in der Geschichte des Volkes Israel. Der Name Schawuot bedeutet „Wochen“ und spielt auf die sieben Wochen zwischen Pessach und dem „Wochenfest“ an, wie Schawuot auch genannt wird.

Wenn die Tora als Gesetz bezeichnet wird, so geht es dabei nicht um eine von außen aufgezwungene Rechtssammlung. Vielmehr wird die Tora erlebt als das Geschenk von Geboten, die dem Leben Sinn und Richtung geben, die helfen, das eigene Leben und das Zusammenleben mit Mitmenschen und mit Gott zu gestalten. Mit der Tora – so bekennt es Mose in Deuteronomium 30,14 ist das Wort Gottes „ganz nahe bei dir, in deinem Mund und in deinem Herzen, dass du es tust.“

Auch die junge christliche Gemeinde benötigte nach dem Tod und der Auferstehung Jesu neue Orientierung und Inspiration. Die biblischen Schriften Israels waren weiter für sie gültig, aber wie konnten sie ihre Erlebnisse mit Jesus, wie seine Worte und Taten bewahren? Welche Bedeutung konnte Jesus für sie haben, wo er doch anscheinend nicht mehr unter ihnen weilte? 50 Tage nach Ostern – das Wort „Pfingsten“ leitet sich von „fünfzig“ (griechisch: pentekoste) ab – also an Schawuot erlebten die Jüngerinnen und Jünger „plötzlich ein Brausen vom Himmel“ (Apg 2,2). Alle Angst und Unsicherheit war von ihnen gewichen. Vom Heiligen Geist bewegt überbrückten sie selbst alle sprachlichen Barrieren zu ihren Mitmenschen. Von solchen Momente der Begeisterung können Christinnen und Christen aus allen Zeiten und Orten berichten: „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf.“ (Röm 8,26)

Weitere Informationen zu „Schawuot beziehungsweise Pfingsten“: https://www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de/schawuot-beziehungsweise-pfingsten/

Ralf Lange-Sonntag

APRIL

Frei von Sklaverei und Tod: "Pessach“ beziehungsweise „Ostern“

„Es waren noch zwei Tage bis zum Passafest“ – Mit dieser Zeitangabe leitet der Evangelist Markus die Geschichte des Leidens und des Todes Jesu ein (Mk 14,1). Die letzten Tage Jesu und seine Auferstehung gehören zeitlich in den Rahmen des Passa-Festes, nach dem hebräischen Wort auch Pessach genannt. Es geht jedoch um mehr als nur darum, einen Zeitpunkt zu benennen. Nach den Berichten der Evangelisten hat Jesus sein Leiden, seinen Tod und seine Auferstehung mit dem Geschehen verknüpft, an das zu Pessach erinnert wird. Jesu Geschick – so die Aussage der Evangelisten – ist nur von daher, von Pessach, zu verstehen.

Pessach bezieht sich auf den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten. Dort waren die Nachkommen Jakobs zu einem Volk geworden, wurden aber vom Pharao als Sklavinnen und Sklaven unterdrückt. Mose erhält den göttlichen Auftrag, das Volk Israel aus der Knechtschaft herauszuführen. Aber erst nach der zehnten Plage, der Tötung aller ägyptischen Erstgeborenen, willigt der Pharao ein und lässt das Volk ziehen. Das Wort „Pessach“ – wörtlich „Vorübergehen“ – erinnert daran, dass der Todesengel an den Häusern der Israeliten vorbeiging. Als Zeichen diente ihm das Blut eines Lammes, das die Israeliten an die Türpfosten ihrer Häuser gestrichen hatten.

Am Pessachfest erinnert man sich auch heute noch bei einem gemeinsamen Mahl in der Familie oder der Gemeinde an den Auszug aus der Sklaverei. Dabei symbolisieren die verschiedenen Zutaten des Mahles – Lammfleisch, bittere Kräuter, ungesäuerte Brote, Wein u.a. – die verschiedenen Aspekte dieser Befreiung, die zu einem Kernpunkt des jüdischen Glaubens geworden ist. Daher heißt es in der Tradition auch: „In jeder Generation ist jede/r verpflichtet, sich so zu betrachten, also ob er/sie selbst aus Ägypten ausgezogen wäre“.

Die frühe christliche Gemeinde hat im Tod Jesu und seiner Auferstehung ein ähnlich fundamentales Geschehen gesehen, das ihren Glauben begründet und ausmacht: Befreiung von Sünde und Tod. Neben den vielen Bezügen, die Passion und Auferstehung als Befreiungsgeschehen mit dem Pessachfest verbindet, ist vor allem der Auftrag der Erinnerung und Vergegenwärtigung zu bedenken. Nicht umsonst heißt es in den Einführungsworten zum Abendmahl: „Solches tut zu meinem Gedächtnis.“ (1.Kor. 11,24)

Weitere Informationen zu „Pessach beziehungsweise Ostern“: https://www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de/pessach-beziehungsweise-ostern/

Ralf Lange-Sonntag

MÄRZ

Im Anfang war das Wort „B’reschit“ beziehungsweise „im Anfang“

Mit dem Wort „b’reschit – im Anfang“ beginnt das erste Buch der Bibel und erzählt von der Erschaffung der Welt. „Es werde Licht!“ (Gen 1,3) – Die ersten Worte Gottes, damit beginnt sein Schöpfungswerk. Der Evangelist Johannes drückt Vergleichbares aus mit dem berühmten „Im Anfang war das Wort“ (Joh 1,1). Ohne das Wort – ohne die Worte Gottes sind weder Judentum noch Christentum denkbar.

Daher verwundert es nicht, dass das Wort im Mittelpunkt des jüdischen wie des christlichen Gottesdienstes steht: In ihren Versammlungen am Schabbat lesen jüdische Gläubige aus den fünf Büchern der Tora, die im christlichen Bereich traditionell die „Fünf Bücher Mose“ genannt werden. Dazu kommen weitere biblische Texte, u.a. Psalmen und Prophetentexte. Auch in den christlichen Gottesdiensten stehen biblische Texte im Mittelpunkt: Abschnitte aus den Evangelien und aus den Briefen an die ersten christlichen Gemeinden, aber ebenso Texte des Alten Testaments, das auch als Erstes Testament bezeichnet werden könnte und das wir mit dem Judentum gemeinsam haben. Gerade in der Zeit der Reformation war es Martin Luther wichtig, die Bibel zu ihrem Recht kommen zu lassen: Sola scriptura – allein die Schrift.

Die Rezitation der Heiligen Schriften ist das Eine, das Andere ist die Auslegung dieser Schriften, die sowohl im Judentum als auch im Christentum einerseits im Gottesdienst ihren Platz hat, andererseits aber auch im Selbststudium und in anderen Kontexten geübt wird. Die Interpretation der Schriften ist nie abgeschlossen, es existiert auch keine verbindliche Festlegung, wie die Texte zu verstehen sind. Je nach Situation, je nach Zusammensetzung der Hörenden und Lesenden können unterschiedliche Aspekte betont werden – ohne dass die Auslegung willkürlich wird. Der Vielklang der biblischen Zeugnisse und der Interpretationen ist kein Manko, sondern ein Reichtum.

Die Worte der biblischen Bücher sind ein gemeinsamer Schatz – auch wenn Juden und Christen, Jüdinnen und  Christinnen nicht alle Bücher gemeinsam haben. Daher können wir als christliche Kirche auch von den Erkenntnissen jüdischer Interpretinnen und Interpreten lernen – umso mehr, als das Christentum diese Möglichkeit über Jahrhunderte nicht nutzen wollte.

Weitere Informationen zu „B’reschit beziehungsweise im Anfang“: https://www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de/januar/

Ralf Lange-Sonntag

FEBRUAR

Wir trinken auf das Leben „Purim“ beziehungsweise „Karneval“

Trinken zum Lobe Gottes, kann man das? Darf man das? Was sonst nicht möglich ist oder zumindest verpönt ist, das ist am Purimfest nicht nur erlaubt, sondern geboten: Trinken, bis man nicht mehr weiß, wer gut und wer böse ist. Am Purimfest herrscht eine verkehrte Welt – auch für Kinder, die an diesem Tag in der Synagoge nach Herzenslust Krach machen, pfeifen und schreien dürfen. Dazu kommen märchenhafte, aber auch schrille Verkleidungen – wie zu Karneval. Ja, wahrscheinlich stand das karnevalistische Treiben sogar Pate bei der Entstehung des Brauchs des Verkleidens und der Umzüge.

Der Hintergrund für Purim ist jedoch ein sehr ernster, denn das Fest erinnert an die Geschichte, die im biblischen Buch Ester erzählt wird. Die jüdische Frau Ester wird die Ehefrau des persischen Königs Ahasveros. Doch Haman, der zweite Mann im Staat – man würde heute wohl Premierminister sagen – verlangt, dass alle vor ihm niederknien sollen. Mordechai, der Onkel und Pflegevater der Königin Ester, widersetzt sich aus religiösen Gründen dem Befehl. Daraufhin plant Haman den Genozid an den Juden; durch das Los (Purim bedeutet Lose) wird der Tag des Massenmords auf den 13. Tag des zweiten Monats im Jahr festgelegt. Ester gelingt es jedoch, den König umzustimmen und ihre Glaubensgenossen zu retten. Statt des Massenmordes wird die Rettung der Jüdinnen und Juden mit einem Festmahl gefeiert und das Purimfest eingesetzt.

Dass das jüdische Volk in der Ester-Geschichte den Netzen der Feinde entkommt, mag historisch wahr sein oder auch nicht. Dass Jüdinnen und Juden immer wieder dem Antisemitismus ausgesetzt waren, ist jedoch leider Teil der Geschichte und ist auch heute immer noch Realität. Umso wichtiger ist es, einmal im Jahr verkehrte Welt zu spielen, in der das Böse besiegt werden kann und die Utopie ihren Ort findet. Dies kann auch unsere Vorstellung von Karneval bestimmen. Bei aller kirchlichen Distanz zum bunten Treiben und zur fünften Jahreszeit: Es ist gut, die Machtverhältnisse einmal umzudrehen und die Herrschenden mit Humor vom hohen Ross zu holen.

Auf das Leben – l’chaim, helau und alaaf!

Weitere Informationen zu „Purim beziehungsweise Karneval“: https://www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de/purim-beziehungsweise-karneval/

(Ralf Lange-Sonntag)